Nudge am 11.07.2011

Schöne neue Wissenswelt

in Philosophisches | Tags: Arbeit, Forschung, Mensch, Wissen

Heute möchte ich etwas zur fortschreitenden Spezialisierung der Menschen loswerden. Nachdem das Thema mich schon sehr lange beschäftigt hatte, muss ich es mir einfach mal von der Seele schreiben. Solltet ihr Anregungen dazu haben oder anders denken, dann schreibt mir einfach Eure Meinung.

Die Menscheit ist 4 Millionen Jahre alt. Nach verschiedenen sehr langen Perioden von Herrschaften, die sich personifizierten, sind wir in weiten Teilen der Welt zu einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung gelangt. Das heißt, das Kapital regiert. Doch nicht ganz. Denn zur Zeit erleben wir die sogenannte Informationsgesellschaft, das bedeutet, dass das abstrakte Ding Information das höchste anzunehmende Gut ist. Und das Streben nach Information ist Forschung. Forschung betreibt die Menschheit noch nicht sehr lange, aber zur Zeit sehr intensiv. Die Entwicklungsgeschwindigkeit ist dabei enorm. Wenn man sich anschaut, wie wir noch vor 30 Jahren gearbeitet haben (mit Telefon und Schreibmaschine), dann könnte man teilweise über die Änderung der Umstände erschrecken. Vor allem als Stressforscher. 🙂

Damit einher geht auch eine Spezialisierung des Menschen. Ein Individuum widmet sich dabei (oft lebenslang) einem immer schmaler werdenen Wissensbereich. Die Spezialisierung ist notwendig, weil das Wissen der Menschheit insgesamt in alle Richtungen wächst. Kein Mensch hat mehr die Muße wie anno dazumal Goethe, sich gleich mehreren Fächern tiefgreifend zu widmen. Um die Forschung immer weiter treiben zu können, muss eine Generation den Wissenstand ihrer Vorgängerin ein- und überholen. Das funktioniert nur, wenn es ihr gelingt, den gleichen Wissensstand schneller zu erreichen als bisher. Dazu stützt sie sich natürlich auf die Dokumentation des Wissens. Muss aber frühzeitig erkennen, wohin die Reise des Lernens gehen soll, um rechtzeitig vor der Rente noch etwas Neuland betreten zu haben.

Die schulische Bildung muss diesem Umstand Rechnung tragen. Dies tut sie bereits durch frühzeitige Trennung der Interessen mit den unterschiedlichen Schularten (davon halte was, wer will) und in der gymnasialen Oberstufe dazu die Ausrichtung der Schule in Profile sowie zusätzlich die individuelle Wahl von Haupt- und Nebenfächern. Im Studium geht das ganze dann weiter. In einer mittelgroßen deutschen Stadt sind die Plätze pro Studienfach dann plötzlich drei- oder gar zweistellig, und nicht selten bieten Fächer eine weitere Spezialisierung im Hauptstudium an. Im späteren Alltag der Wissenschaft treffen dann oftmals nur eine Handvoll internationaler Koryphäen aus verschiedenen Ländern aufeinander, um das ein oder andere Problem an vorderster Front zu diskutieren.

Der soziale Nebeneffekt der Spezialisierung ist eine einsetzende allgemeine Fach-Idiotie. Der moderne Mensch kann seinem Nachbarn kaum noch vernünftig erklären, was er eigentlich auf Arbeit macht und für wen das gut sei. Diesen Effekt spüren sicherlich Kinder gegenüber ihren Eltern am stärksten. Erklärt mal einem Opa SEO oder SEM.

Schwierig an dieser Entwicklung ist auch die Qual der Wahl, was der Mensch in seinem Leben tun sollte. Neben der unendlichen Tiefe, die jedes Fach bietet, ist es oft die Breite des Angebots, die abschreckt. Zunächst bei der Berufswahl. Aber auch bei der Wahl der nächsten persönlichen Weiterbildung, Stichwort lebenslanges Lernen. Was wird wirklich entscheidend für mich sein? Heute, morgen und in 2-3 Jahren. Sollte ich mein Wissen eher verbreitern, mich inter-disziplinar aufstellen? Oder sollte ich das ein oder andere Häppchen State-Of-The-Art ausreizen oder gar First-Mover, intellektueller Beta-Tester werden?

In dieser letzten Frage selbst liegt aber auch ein weiteres spannendes Potential der Spezialisierung inne. Es könnte einerseits die Fach-Tieftaucher (Experten) geben, die andererseits von Breitmaulwissern (Katalysatoren) zu verschiedenen Projekten zusammengebracht werden, um neue qualitative Synergien der Kooperation zu ermöglichen. Die Experten können die thematische Verbindung nicht sehen, weil sie gelinde gesagt ihren Tellerrand nicht überschauen (können) – so groß sind die Herausforderungen der Tiefenbeschäftigung. Die Katalysatoren dagegen müssen gerade über so viel Fachwissen verfügen, um die Potentiale zu erkennen, die in der Verknüpfung zweier Gebiete schlummert. Sie können oft nichts zur Lösung beitragen, aber ihre Stärke liegt in der Kommunikation und Motivation.

Es könnte also in Zukunft wichtig sein, die interdisziplinäre Ausbildung zu fördern. Diese Leute hätten dann auch einen großen Vorteil: Sie werden wahrscheinlich ihren Nachbarn glaubhaft erklären können, dass sie einen wichtigen Job haben.

Zum besseren Verständnis habe ich eine Skizze dazu angehangen. Die Fachrichtungen sind dabei willkürlich gewählt.

 


Das mark ich mir: Alltagz Mr Wong Yigg Del.icio.us Yahoo MyWeb Blinklist Google folkd
 

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