Nudge am 26.09.2008

Review: Der Baader-Meinhof-Komplex

in Film | Tags: Andreas Baader, Film, Kino, RAF, Stefan Aust, Ulrike Meinhof

Da dies ein für mich ganz spannendes Thema ist, kam ich nicht umhin und habe gleich Karten für die Premiere des Films Der-Baader-Meinhof-Komplex von Uli Edel und Bernd Eichinger reserviert. Der Film hatte Überlänge, ich rechnete mit satten 3 Stunden, aber es waren doch “nur” 2 1/2, was auch sitzfleischfreundlicher ist.

Aufgrund der vielen Jahre, die der Terror der RAF die Öffentlichkeit und vor allem die Justiz der BRD beschäftigte, kann ein Film immer nur eine knappe Verdichtung der Geschichte sein. Vor allem, wenn sie auch verschiedenen Standpunkten betrachtet, ganz unterschiedlich aufgefasst oder gar wiedergegeben werden kann wie es hier der Fall ist. Konträrer und komplexer kann das gesellschaftliche Gedächtnis nicht sein!

Da ich vorher schon in den Genuss des gleichnamigen Buches von Stefan Aust kam, wusste ich bereits um den Handlungsstrang – hier hielt sich der Film recht genau an die literarische Vorlage. Was das Buch zum Teil detaillierter berichtete, musste im Film jedoch oft gekürzt werden, ganz klar. Dennoch hat der Film meines Erachtens versucht, bei jeder sich bietenden Gelegenheit das psychologische Moment in den Vordergrund zu rücken. Dies erlaubt letztendlich auch ein weitaus tieferes Verständnis der Materie als pures Aneinanderreihen von straftätlichen oder politischen Fakten.

Im Sägezahn-Zickzack-Kurs ging es also immer schnell zwischen den wichtigen geschichtlichen Abschnitten weiter, um da wichtige Spielfilmminuten für die kleinen Details in Slow-Motion zu bieten. Vertreter der Tabakindustrie haben hier anscheinend die Hände ins Drehbuch gesteckt, keine dieser Szenen kam ohne eine obligatorisch hängende Kippe im Maul aus. Und das in Zeiten dieser Rauchverbot-Diskussionen. 😉

Dabei blieb eines ganz klar auf der Strecke: Die politischen Hintergründe. Wer in welcher Zeit Kanzler oder Justizminister war, welche Kriege wo ausbrachen oder warum gewisse Opfer gewählt wurden blieb nur am Rande erkennbar und setzte gewisse Vorkenntnisse voraus.

Dass im Vorfeld darüber gestritten wurde, ob die Täter in dieser Verfilmung mit einem etwas zu positivem Image wegkamen, kann ich nicht nachvollziehen. So wurde die Gruppe oft streitend und ihre Aktionen in schonungsloser Brutalität und Nähe dargestellt. Zwar gab es Darstellungen von Sympathien größerer Studentenmassen auf den Straßen oder im Gerichtssaal.

Aber ist es ein historischer Fakt, dass es diese gewisse Sympathie gab, und sie steht gerade für einen der vielen möglichen Standpunkte, die man als Zeitgenosse dazu einnehmen konnte. Und ebenso wurde im Film erkennbar, dass das positive Bild der RAF unter ihren Anhängern ebenso verblendet von einem Mythos war wie das Zerrbild des Springer-Verlages in dessen gewohnter Demagogie. Sicherlich war hier und da ein Schmunzeln über die damalige verspießte Bürokratie zu sehen. Doch war nicht auch dieser muffige, post-faschistische Staatsapparat selbst ein Baustein dieses Konfliktes?

Man kann nicht sagen, dieser Film polarisiere einseitig. Wohl polarisiert er den Zuschauer in beide Richtungen gleichzeitig und das finde ich gerade das Tolle daran. Auch wenn man kaum Sympathien für den Richter aufbringen konnte: Ganz prägend sagt letztendlich ein Mitglied der letzten Generation nach den Selbstmorden von Baader, Enzlin und Raspe, “Hört endlich auf, sie zu sehen, wie sie nie waren!” – Dieser Satz ist für mich die Essenz des Filmes.


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